Macht und Einfluss? Macht und Einfluss!
Ob auf der Bühne, in der Politik, im Geschäftsleben oder im Privaten: Macht – verstanden als Möglichkeit, Einfluss zu nehmen – beeinflusst unsere bilateralen Beziehungen ebenso wie die Dynamik eines Teams oder einer Gruppe. Wer mehr Macht hat, entscheidet, was passiert, wird gehört. Wer weniger Macht hat, wird übersehen, übergangen und muss sich fügen.
Anleitungen zum Umgang mit Macht existieren seit entsprechend langer Zeit: Macchiavellis «Il Principe» ist vielleicht der bekannteste Beitrag zum Thema gefolgt von Greenes «The 48 Laws of Power». Den gleichen Anspruch auf Bekanntheit hat dieser Beitrag nicht. Aber vielleicht hilft er dir, zukünftig auf die für dich relevanten Themen einfacher Einfluss zu nehmen oder du verstehst besser, weshalb du in gewissen Momenten übergangen wirst.
Macht, Rang und Status – eine Begriffsklärung
Macht wird in der Literatur meist mit sozialem Rang oder Status gleichgesetzt: Der soziale Rang bezeichnet die relative Position eines Individuums innerhalb einer Gruppe, Organisation oder Gesellschaft. Diese Position bestimmt, wie viel Macht, Einfluss, Ansehen sowie Zugang zu Ressourcen eine Person dadurch im Vergleich zu anderen besitzt. Der resultierende Status resp. die damit verbundene Anerkennung beschreibt ihrerseits die Aussenwirkung und die damit verbundenen Privilegien. So bestätigen Studien, dass gutaussehende Menschen von einem Schönheitsbonus – andere sprechen von erotischem Kapital – profitieren. Ihre Verhandlungsmacht sei grösser, ihr Einkommen höher und man traue ihnen mehr zu.
Einflussfaktoren unseres Rangs
Macht respektive der soziale Rang hängen nicht nur vom Aussehen, sondern von weiteren Faktoren ab, die sich grob in folgende drei Kategorien zusammenfassen lassen.
Geschenkte Faktoren: Wo und in welchen Körper wir geboren werden, definiert unser Startkapital. Die soziale Herkunft, der ethnische Hintergrund ebenso wie die Unversehrtheit von Körper und Geist sind in diesem Kontext zu erwähnen. Werde ich als Mädchen in eine einkommensschwache, nichtweisse Familie mit körperlichen und geistigen Einschränkungen geboren, ist mein sozialer Rang auch heute noch tiefer als jener eines weissen gesunden Jungen mit einkommensstarken Eltern und gutem Bildungshintergrund.
Erworbene Faktoren: Der Ausbildungsstand, die erreichte berufliche Position, die Einkommenssituation ebenso wie die soziale Vernetztheit sind Beispiele für einen Status, der erarbeitet werden kann. Als Mitglied einer Geschäftsleitung mit Universitätsabschluss und entsprechendem Einkommen wird man als sozial bedeutungsvoller erachtet als die Reinigungskraft mit Grundschulabschluss und abgebrochener Lehre.
Gezeigte Faktoren: Nach dem Motto «Kleider machen Leute» haben auch Stimme und Körpersprache, das eigene Selbstvertrauen oder die Fähigkeit, situationsbezogen zwischenmenschliche Beziehungen aufzubauen und zu pflegen, einen Einfluss auf den sozialen Rang. Eine tiefe Stimme, ein hoher Redeanteil, ein direkter Blickkontakt verhelfen eher zu einem höheren Rang als eine nervös hohe Stimme, Schweissflecken unter den Armen und ein nervöses Stammeln. Somit können fehlendes Startkapital ebenso wie nicht erworbene Faktoren zumindest zu einem Teil mit einem starken Auftritt kompensiert werden.
Genereller und kontextbezogener Rang
Während der Ausgangspunkt in die soziale Rangordnung ausserhalb unseres Einflussbereichs liegt, können die erworbenen und gezeigten Faktoren selbst beeinflusst werden. Ob der dadurch angestrebte Rang in der konkreten Situation anerkannt wird, entscheiden aber nicht wir, sondern das Umfeld. Der amerikanische Psychologie Arnold Mindell spricht hierbei von einem kontextbezogenen Rang. Meist wird dann von Status, dem sichtbar gemachten Rang, gesprochen, der nach Schmitt und Esser, Autoren des Buchs «Status-Spiele: Wie ich in jeder Situation die Oberhand behalte» auf drei Weisen erreicht werden kann:
Inhaltlich: Man kann sich mittels der Wortwahl über (Ich habe in diesem Themenbereich wesentlich mehr Erfahrung als sie.) oder unter andere stellen (Ich bewundere ihre strategische Weitsicht.).
Stimmlich: Man kann sich durch eine volle tiefe Stimme, bewusste Pausensetzung und ein gemächliches Sprechtempo einen hohen Status bauen oder aufgrund einer etwas erhöhten, dünnen Stimme, atemlosem, hastigem Sprechen sowie einigen Ähs in einem tiefen Status landen.
Körperlich: Eine aufrechte Körperhaltung, entspannte, raumeinnehmende Gesten, ein direkter Blickkontakt ebenso wie das Berühren der anderen zum Beispiel mit einem Schulterklopfen schaffen einen hohen Status. Eine leicht schräge Kopfhaltung, Blinzeln und wiederholt kurze Blickkontakte, verschränkte Arme und Beine ebenso wie nervöse Handbewegungen führen zu einem tiefen Status.
Zusammenspiel von Innen und Aussen
Der gefühlte innere Status (fühle ich mich unsicher oder selbstbewusst?) sowie der gezeigte äussere Status (wirke ich unsicher oder selbstbewusst?) müssen – so Schmitt und Esser – nicht immer korrelieren. Die kontextbezogene Wirkung ist entsprechend anders:
Innen tief, aussen hoch: Bin ich unsicher und überspiele dies mit Statussignalen, wirkt dies oft angestrengt, manchmal aggressiv-dominant. Das Umfeld ordnet sich unter, fühlt sich unwohl und mag diese Form des Statuseinsatzes nicht.
Innen hoch, aussen tief: Ist man selbstsicher, steht aber bewusst zurück, um anderen Raum zu geben, kann dies charismatisch und grosszügig wirken. Das Umfeld fühlt sich wohl, vielleicht sogar etwas geschmeichelt.
Innen tief, aussen tief: Ist man unsicher und kann dies schambefreit offenlegen, wirkt dies menschlich-sympathisch. Das Umfeld nimmt die temporäre «Schwäche» zur Kenntnis, bietet vielleicht Unterstützung an und selbst kommt man dadurch rasch wieder in einen höheren Rang.
Innen hoch, aussen hoch: Ist man sich des eigenen hohen Status bewusst und zeigt diesen in unaufgeregter Form, schafft dies einen entspannten Hochstatus, der vom Umfeld rasch akzeptiert wird. Man orientiert sich an der Hochstatusperson und vertraut der dadurch entstanden Führungsposition.
Spielregeln kennen und bewusst mitspielen
Rang und Status sowie die damit verbundene Machtposition werden oft kritisch diskutiert: Wie kann jemand aufgrund von Herkunft oder Ausbildungsstand scheinbar wichtiger, machtvoller sein? Weshalb braucht es diese Machtspiele? Status und die resultierende «Hackordnung» gehören aber zum Menschsein, weil über Statussignale fortwährend die soziale Interaktion geklärt wird. Wer spricht zuerst, wer kommt wann dran, wer gibt wem die Hand. Müssten diese Reihenfolgen kontinuierlich mündlich ausgehandelt werden, würde das Miteinander schwerfällig.
Dabei sind die Machtunterschiede selten gross oder einschränkend: Ein entspannter Hochstatus schafft Vertrauen, verstärkt Fachkompetenz, führt zu Entscheidungen und kann in der Moderation gut genutzt werden, damit alle zu Wort kommen. Ein Tiefstatus legt offen, dass man selbst noch unsicher ist und Unterstützung braucht oder den anderen zuerst den Raum geben möchte. Anstelle sich einer Statusklärung zu entziehen, gilt es somit, die Spielregeln selbst zu beherrschen, um mitspielen zu können.
Erhaltene Macht annehmen
Wird ein Rang kontinuierlich nicht gelebt, führen die resultierenden Doppelsignale zu Verunsicherung und Machtverschiebungen: Bleibt eine Führungsperson konstant im Tiefstatus («ich überlasse die Entscheidung lieber euch», «ich fühle mich unsicher und brauche eure Hilfe», «das ist mir jetzt zu schwierig, das delegiere ich lieber an andere»), sucht ein Team zunächst Orientierung, kompensiert dann die Unentschlossenheit und übernimmt zunehmend die Führung selbst, ohne die dazu erforderliche organisationale Erlaubnis zu haben. Ein erworbener Rang oder die damit verbundene Rolle sollte entsprechend gelebt werden, damit dadurch die erhoffte soziale Stabilität entstehen kann.
Sozialer Rang und die damit verbundene Beeinflussungsmacht sind somit nichts Schlechtes, sondern ein Instrument, welches bewusst und moralisch korrekt einzusetzen ist. Vielleicht ein Motivationsgrund, das Verhältnis zum eigenen Umgang mit Macht zu reflektieren, Schattenaspekte zu beleuchten und einen entspannteren Umgang damit zu finden, damit das Mitspielen nicht nur gelingt, sondern auch noch Freude macht.