Ob ich nicht einfach mal Klartext reden soll?!
Als Organisationsentwicklerin, als Prozessbegleiter gehören zugewandte Neutralität, ein Mitschwingen mit dem Tempo des Kundensystems sowie die Fähigkeit für einen Perspektivwechsel zum Einmaleins des Tuns: Wir behalten die eigene Meinung für uns, wir ziehen nicht an den wachsenden Grashalmen und wir stellen uns in die Schuhe des Gegenübers, um die Problemstellung ebenfalls als Herausforderung zu erleben. In der Theorie macht das sehr viel Sinn, in der Praxis meist auch und doch gibt es Momente, wo man denkt: Wenn nicht endlich mal jemand Klartext redet, fange ich an zu schreien.
«Organisations-Entwicklung mit Schlagkraft:
Wir schreien Sie bei Bedarf an.»
Mehr als Scherz als mit Ernsthaftigkeit entstanden in Anlehnung an den Claim «Sind sie zu stark, bist du zu schwach» von Fishermen’s Friends Slogans für Organisationsentwicklung der unverblümten Art. Was würde passieren, wenn Konfrontation und unmittelbare Klarheit Teil des Konzepts wären? Ich die neutrale Beobachtungsrolle für einen Moment verlasse und mitmischen kann?
Der Mut für den Praxistest fehlte bisher noch, aber ich erinnerte mich an den Vergleich von Organisationsentwicklung mit der Rolle eines Hofnarren, zu dem ich vor einigen Jahren im Rahmen eines Forschungsprojekts befragt wurde. So wie früher Narren unter dem Deckmantel von Humor Dinge freier benennen konnten, sei es heute Aufgabe der Organisationsentwickler:innen einem Unternehmen, Teams wie auch Führungspersonen den Spiegel vorzuhalten.
Zum Wettersprecher werden...
Direktheit und Konfrontation sind somit – gut verpackt – sehr wohl möglich. Deep Democracy, der von Arnold Mindell entwickelte Werkzeugkasten für einen integrierenderen Umgang mit Spannungen und Konflikten, schlägt dazu den Wetterbericht vor. In der Moderationsrolle beschreibe ich die Stimmung und die Stimmen im Raum mit der gleichen Tonlage, wie wenn ich das Wetter beschreiben würde: Was wurde gesagt, was löst das bei mir als Moderation aus und welche Emotionen nehme ich im Raum wahr. Dabei wird nicht auf einzelne Personen verwiesen, sondern die Gesamtwetterlage beschrieben, um danach Feedback zur Wetterbeschreibung zu erhalten.
Ein solcher Wechsel auf die Metaebene tut meist Wunder, weil Elefanten im Raum sichtbar werden und alle wieder mehr Klarheit haben. Als Varianten zum Wetterbericht bewähren sich oft folgende Vorgehensweisen:
Beobachtungen als Möglichkeiten anbieten: Da eigene Beobachtungen immer persönlich beeinflusst sind, empfiehlt es sich, diese als Möglichkeit zu formulieren. «Es könnte sein...», «Es scheint...» sind mögliche Satzanfänge, um solche Beobachtungen zu teilen.
Rückmeldungen als Fragen formulieren: Ganz nach dem Motto «Was selbst gedacht und ausgesprochen wird, bleibt länger präsent» verhelfen Fragen zu eigenen Erkenntnissen und geschickt formuliert bekommen Rückmeldungen so ein Fragezeichen als Schmuck. «Wenn du die Situation aus der Moderationsrolle erleben würdest, was ginge dir durch den Kopf?», «Welche Wirkung könnte ein solches Verhalten auf andere haben?» oder notfalls sogar «Findest du ein solches Vorgehen und die damit verbundene Wirkung sinnvoll?» können helfen, um eigene Beobachtungen ausgesprochen zu haben.
Humor einsetzen: Schalk, Witz ebenso wie wohldosierte Provokation helfen, konfrontative Inhalte vermittelbar zu machen, ohne zu brüskieren. Wichtig dabei ist, nicht bei Sarkasmus oder Ironie zu landen, weil bei Letzteren Bissigkeit mitschwingt, die zu Ablehnung oder zumindest Irritation führen können. So braucht es zum Beispiel für «Wenn man bedenkt, dass es einen ganzen Vormittag für diese Ergebnisse brauchte, muss ich diese wohl grossartig finden!» Leichtigkeit in der Stimme und eine wohlwollende Haltung im Innen.
Wirkungsmechanismen aufzeigen: Gleich einer mathematischen Formel lassen sich Verhalten, die daraus resultierenden Reaktionen und die damit verbundene Wirkung wertfrei beschreiben. Malt man die Teamdynamik sogar auf, resultiert eine scheinbar objektive Distanz. Spricht man von Rollen, Motiven und Bedürfnissen und nicht von den einzelnen Menschen, bleibt man selbst neutraler.
Erlaubnis für mehr Direktheit einholen: Final kann auch einfach nachgefragt werden, wie direkt und unmittelbar eine Rückmeldung sein soll. Unter vier Augen kann zudem einiges leichter angesprochen werden als im Plenum, wo es zumindest zu Beginn mehr Abschwächung und Möglichkeitsformen braucht.
Klappt die Tonlage trotz aller kommunikativen Kniffs mal nicht, mag dies im Moment ungeschickt sein, leicht beschämen und ist gerade deshalb menschlich. «Vertraue dem Prozess» wird dann zum geflügelten Wort und Rettungsanker, weil entweder genau diese Reaktion zum Durchbruch verhilft oder mit dem nächsten Durchatmen die innere Ruhe wiedergefunden werden kann.
Zeit für Selbstreflexion
Was beeinflusst deine Tonlage? Wann möchtest du losschreien? Oder viel Direktheit darf es für dich sein? Nachfolgende Fragen helfen, deine eigenen Bedürfnisse besser zu verstehen.
Erinnere dich an eine Situation, wo du schreien wolltest, nimm dir pro Frage zwei bis drei Minuten Zeit und notiere die Antworten, so dass du zum Schluss noch mal draufschauen und deine Erkenntnisse zusammenfassen kannst.
Weshalb wirst du ungeduldig, was treibt dich auf die Palme und was könnten die Gründe dafür sein?
Gibt es eigenen «Leidensdruck», der in Schwingung kommt?
Werden Werte, welche dir wichtig sind, verletzt?
Wie wirst du laut und wie wohl bist du damit?
Was kann dir helfen, die Lautstärke und Direktheit angemessen zu gestalten?
Wie findest du zu deiner inneren Ruhe und Grosszügigkeit?
Wie bist du in Kontakt mit deinem Humor und Witz?
Wie bist du mit dir selbst grosszügig, wenn dir der Direktheitsregler entgleitet?
Worauf achtest du zukünftig noch mehr?
Wie viel Direktheit möchtest du selbst und wie machst du das transparent?